Schwäbische Zeitung
9. Januar 2001


Anrührende Geschichten aus der Kälte

LEUTKIRCH - Gute Geschichten erzeugen lebendige Bilder, machen neugierig, lassen die Zeit wie im Flug vergehen. Genau dies erlebten die Zuhörer beim jüngsten "Talk im Bock". Der Journalist Herbert Bopp holte die weite, wilde und oft eiskalte Welt Kanadas und der USA ins kleine Leutkirch. Er beeindruckte mit Geschichten über Indianer, religiöse Sektierer und einen Obdachlosenchor. Seine Schilderung der Lage in New York kurz nach den Terroranschlägen ging unter die Haut.                                            

"Am liabschte dät i de ganze Obed schwäbisch schwätze." Der erste Satz ist symptomatisch fur die folgenden zweieinhalb Stunden: Obwohl Bopp längst höhere Weihen des Journalismus empfangen hat, neben dem ARD-Hörfunk, Fernsehsender, große deutsche Zeitungen und Magazine beliefert, ist der gebürtige Ummendorfer herzlich und offen geblieben. Auch nach 20 bewegten Reporter-Jahren in Kanada bekennt er sich zu seinen Wurzeln, kokettiert mit seiner Muttersprache. Im Gespräch mit seinem Freund und Kollegen Bernd Dassel wird auch deutlich, dass Bopp immer den Menschen hinter dem Ereignis sucht, egal ob er über Umweltskandale in Alaska berichtet oder den Spuren eines Mannes folgt, der im Busch tot aufgefunden wurde.

Doch wie kommt man von Ummendorf nach Montréal ? Über Waiblingen natürlich. Von der dortigen Kreiszeitung ging Bopp zu einer deutschen Wochenzeitung in Winnipeg/Manitoba. Der erste Kontakt mit Kanada war eisig: "Wir kamen am 8. Dezember 1973 dort an - bei minus 40 Grad und Schneesturm." Die Freundin flüchtete bald ins warme Mexiko. Bopp blieb, schrieb, lernte Land und Leute kennen und lieben.

Nach Intermezzi bei der Schwäbischen Zeitung in Ulm und Leutkirch sowie bei der Badischen Zeitung zog es den heute 53-Jährigen wieder nach Kanada. Letztlich nach Montréal, wo er mit Frau und Sohn lebt.

"Ich konnte mir alle beruflichen Wunsche erfüllen", sagt Bopp. Gleichzeitig gefällt dem Schwaben die Mentalität der Kanadier. "Man hält zusammen, kümmert sich, wenn der andere Hilfe braucht. Ansonsten lässt man sich in Ruhe." Fasziniert ist der Journalist auch von der Vielfalt der Völker und Kulturen. Schattenseiten hat das Leben im weiten Land auch, die schlechte medizinische Versorgung etwa. Oder den legendären Eissturm, der den Alltag drei Wochen lang buchstäblich einfror. "Wir mussten ohne Strom, Heizung und fließend Wasser auskommen, auf dem Wohnzimmertisch war Rauhreif." Doch das Telefon funktionierte - und der SWR sendete täglich ein Life-Interview "Unser Mann im Kühlschrank".

Im zerstörten New York wurde Bopp nach dem 11. September 2001 Zeuge einer unendlichen Traurigkeit, die sich über die Stadt gelegt hatte. "Ueberall kamen mir Menschen mit Fotos entgegen, die ihre Angehörigen suchten." Neben unbeschreiblichem Elend habe es auch eine unglaubliche Hilfsbereitschaft gegeben - "diese Stadt ist so weich geworden."

Weich geblieben ist auch Herbert Bopp, trotz traumhafter Begegnungen mit Prominenten wie dem inzwischen verstorbenen "Beatle" George Harrison,  Nelson Mandela, Bill Clinton, Michael Gorbatschow oder auch dem ehemals schnellsten Mann der Welt, Ben Johnson. So gesteht er auch, dass er eines Tages wieder ins Schwäbische zurück will. Hierher, wo es zünftige Kneipen gibt - und eine Jazzformation "Just Friends", die wie gewohnt die Talk-Pausen aufs Angenehmste überbrückte.                                                                                             RITA WINTER












Die Veranstaltungsreihe „Talk im Bock", benannt nach dem Bockturm, (Foto) ist in Leutkirch/Allgäu zu einem kulturellen Highlight geworden. Der Journalist und Moderator Bernd Dassel (SWF 3, Rias 2, Sat 1, Deutsches Sportfernsehen u.a.) interviewt in unregelmässiger Reihenfolge vor einem Live-Publikum "Menschen mit Geschichten". Zu Bernd Dassels Gästen (unten links mit Herbert Bopp) gehörten bisher unter anderem:

Dr. Willi Steul - "Terrorismus und Taliban"
Frauke Ludowig - "Bei Boris und Mick Jagger"
E. Schmidt-Eenboom - "Neue Spielarten des Terrorismus"
Dr. Heinrich Schöneich - "Ein neues Gesicht für Yussuf"
Günter Schabowski - "Der Mann, der die Mauer öffnete"
Heinz Schön - "SOS - das Ende der "Wilhelm Gustloff"
Udo Lattek - "Das Runde muss ins Eckige"
Peter-Jürgen Boock - „RAF und Deutscher Herbst"
Werner Wallert - „Geiselhaft auf den Philippinen"
Talk im Bock: Menschen
mit Geschichten
Herbert Bopp (r.) im Gespräch mit Bernd Dassel - Foto: Roland Rasemann
"Talk im Bock" im Internet: www.talkimbock.de
www.talkimbock.de
Kältetipps aus Kanada